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Nachhaltigkeit nervt.

21/10/2015

Meine Bahn fällt aus. 60 lange Minuten an einem tristen Bahnsteig liegen vor mir. Um mir die Zeit zu vertreiben schlendere ich am Bahnhof entlang und gehe in einen dieser lieblosen Zeitschriftenläden. Neben etlichen Ausgaben von Lisa, Brigitte & co und nochmal mindestens genauso vielen Ausgaben der Geo, fällt mir eine Zeitschrift ins Auge namens „Green Lifestyle“.
Ich habe eine etwas eigene Meinung zum grünen Leben bzw. zur allseits beliebten Nachhaltigkeit, und war neugierig was man auf 144 Seiten darüber zu erzählen hat. Für 4,90€ landet das Magazin, gedruckt auf ungestrichenem Papier, in meinen Händen und beschäftigt mich die folgenden 50 Minuten.
Redakteurin 1 hat ihre Altkleider an Flüchtlinge gespendet, Redakteurin 2 bemüht sich jetzt mit Stoffbeuteln statt Kunststofftüten einzukaufen, Redakteurin 3 ersetzt Zewa mit Geschirrtüchern aus Stoff, Redakteurin 4 isst vegetarisch, Redakteurin 5 macht regelmäßig Wildkräutertouren und die Grafikerin bastelt sich gerade eine Kommode aus Europaletten.

NACHHALTIGKEIT IST IM TREND

Alle vorgestellten Produkte sind natürlich Bio, Fairtrade oder auf irgendeine andere Weise ökologisch vertretbar und ganz am Rande auch hübsch anzusehen und von oben bis unten durch designt. Öko ja, aber nur wenn es auch gut aussieht und sich hübsch im Magazin macht. Schrebergärten und Imker werden vorgestellt während ein paar Seiten später Ananas & Granatäpfel beworben und Öko-Hotels in Vietnam auf den Seychellen und Malediven vorgestellt werden. Eine Seite weiter blicken mich die großen Augen eines Bonobos an, mit dem Aufruf zum Spenden und laut dem Test in der Zeitschrift auf Seite 82 bin ich ein absoluter Meister in Sachen Nachhaltigkeit und andere könnten sich eine Scheibe von mir abschneiden. Schön, dass ich weiß, dass die Nachhaltigkeit 1713 in der deutschen Forstwirtschaft ihren Ursprung fand, hilft aber den bedrohten Tierarten herzlich wenig. Lifestyle sagt es eigentlich schon – es geht nur um einen Trend, nicht um wahre Nachhaltigkeit. Ich hätte es mir denken können, aber in meiner naiven Vorstellung wollte ich an das Gute glauben.

DIE BEQUEMLICHKEIT SIEGT

Die meisten Menschen betreiben Nachhaltigkeit nur so lange, wie es ihnen nicht weh tut oder ihnen sogar einen Vorteil bringt. Leserin Veronika achtet bei neuen Elektrogeräten z.B. auf einen geringen Stromverbrauch, denn langfristig spart sie damit Geld. Geld ist der Faktor, nicht Nachhaltigkeit. Solange Geld die Welt regiert, hat Nachhaltigkeit nur eine Chance, wenn sie wirtschaftlich nützlich oder zumindest nicht schädlich ist. 20 Minuten mit dem Rad zur Arbeit, statt in 10 mit dem Auto – sparen, sportlich betätigen und gleichzeitig nachhaltig sein, praktisch. Selfmade Möbel & Upcycling sind günstig und gerade total angesagt – zusätzlich auch noch gut für die Umwelt, was für ein tolles Argument.
Eine Stofftasche mitnehmen – keine wirkliche Einschränkung. Und wie praktisch, dass es im Supermarkt immer mehr Produkte gibt, auf denen Bio drauf steht. Müll trennen erfordert 2 neue Mülltonnen und „Ökostrom“ fünf Klicks im Netz. Die meisten sind vegan, weil sie ein Herz für Tiere haben (vegan ist übrigens keinesfalls nachhaltiger als das bewusste Konsumieren von tierischen Produkten). Und jeder findet Nachhaltigkeit gut, denn das gehört sich so.
Alles schön und gut. Und selbst wenn man es wirklich ehrlich meint – sobald man es an die große Glocke hängt und man mir erzählt, dass man jetzt nachhaltiger werden will, kann ich denjenigen nicht mehr ernst nehmen. Nachhaltig ist man entweder aus Überzeugung oder aus Trendbewusstsein. Und die meisten sind es wohl aus letzterem. Und dann muss man es irgendwie mitteilen, denn sonst weiß ja keiner, wie trendig man jetzt ist.

TRINKEN FÜR DEN REGENWALD IST WIE GUMMIBÄRCHEN OHNE FETT

Ich bin nicht nachhaltig. Ich fahre mit der Bahn, weil ich nicht gerne mit dem Auto durch die Stadt fahre & es mir zu teuer ist, ich esse gerne Obst & Gemüse vom Bauern, weil ich finde, dass es besser schmeckt, es mich an meine Kindheit erinnert & ich mich besser aufgehoben fühle. Ich gehe mit Stoffbeuteln einkaufen, weil ich es angenehmer finde & ich kein Geld für etwas ausgebe, was ich schon zu genüge habe. Die Herstellung von Stofftaschen hat übrigens einen ähnlich schweren ökologischen Rucksack wie Kunststofftüten – das nur mal so am Rande.
Ich trenne Müll, weil ich es nicht anders kenne. Ich helfe gerne Menschen, weil ich eine soziale Ader habe und ich habe nachhaltiges Design studiert, weil mich das Angebot der Uni irgendwie überzeugt hatte. Ich beziehe richtigen Ökostrom, weil ich mich von RWE, EON & co mit ihrer Greenwashing Aktion verarscht fühle und ich mich nun mal nicht gerne verarschen lasse.
Nachhaltigkeit sollte eine Selbstverständlichkeit sein und nichts, was man an die große Glocke hängt. Ja durch ständige Wiederholung holt man es in das Bewusstsein der Menschen und kann damit eventuell etwas bewegen. Man kann aber einem damit aber auch ziemlich auf den Geist gehen und genau das Gegenteil bewirken. Trinken für den Regenwald ist wie Gummibärchen ohne Fett.

WAHRE NACHHALTIGKEIT

Was bringen 30.000 Stoff- statt Kunststofftüten, wenn Konzerne wie Shell den halben Ozean verpesten und Monsanto unsere kompletten Lebensmittel verseuchen?! Darum kümmert sich keiner, oder nur die wenigsten, denn da wird’s ungemütlich. Das bedeutet Anstrengung, Frust und viel Arbeit. Wer gegen solche Konzerne kämpft. Lösungen für derartige Probleme findet, hat meine Bewunderung und als einer der wenigen das Recht sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen zu schreiben. Bewusstsein ist gut und wenn jemand von Herzen nachhaltig leben will, finde ich das gut, aber Naivität und Heuchelei dem Trend zuliebe langweilen mich, machen mich aggressiv und ist genau das Gegenteil von Nachhaltigkeit.
Ich kann mir schon denken, welche Kommentare hier nach der Veröffentlichung abgegeben werden und wie mein Text nach Schwachstellen abgesucht wird, wie man versuchen wird, mir die Wörter im Mund umzudrehen und den Dreck vor meiner Haustür sucht. Man darf nicht sagen, dass Nachhaltigkeit nervt, man darf niemanden angreifen, der auf Bio-Siegel achtet. Man muss Nachhaltigkeit unterstützen & gut finden. Aber bevor ihr hier einen derartigen Kommentar hinterlasst, überlegt euch, woher eure Kleidung und eure Kosmetik kommt, ob ihr wirklich immer zum Bauern geht, ob ihr wirklich wisst, woher das Fleisch und die Eier kommen, die ihr einkauft. Ob ihr auf euer Handy und euren Laptop verzichten würdet. Ob ihr wirklich immer die Treppe statt Aufzug & Rolltreppe benutzt. Ob ihr auch mit dem Rad zur Arbeit fahrt, wenn es in Strömen regnet, ob ihr die Öko-Waschmaschine auch kaufen würdet, wenn ihr dabei am Ende mehr zahlen müsstet und ob ihr für euren nächsten Urlaub lieber mit dem Zug in den Schwarzwald fahrt oder doch lieber mit dem Flieger nach New York reist. Nachhaltigkeit beginnt da, wo die Bequemlichkeit aufhört. Und die meisten sind einfach zu bequem für wahre Nachhaltigkeit. Alle finden Kinderarbeit scheiße, aber kaum einer tut was dagegen. 50€ spenden zu Weihnachten rettet gegen Ende des Jahres nochmal schnell das schlechte Gewissen & dauert nur wenige Minuten, bevor man sich danach dem Konsum und der Völlerei widmet. Merry Christmas.

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